Leere Akkus

Meine Akkus sind leer und meine Lebensumstände sind nicht besonders gut dazu geeignet sie wieder aufzufüllen. Ständig bin ich von Menschen umgeben und ich habe keine wirkliche Rückzugsmöglichkeiten. Keine, bei denen mir nicht gleichzeitig ein schlechtes Gewissen gemacht wird.

Es ist noch gar nicht so lange her, gemessen an meinem Alter jedenfalls, dass ich für mich realisiert habe, dass ich introvertiert bin. Viele meiner Probleme, die mit sozialen Kontakten (oder der Vermeidung solcher) zu tun haben, haben eben damit zu tun. Dachte ich früher noch, dass ich einfach Menschen nicht leiden kann und keinen Bock habe mich mit ihnen abzugeben, so weiß ich inzwischen, dass ich einfach keine andere Wahl habe. Und dass ich eben diese ablehnenden Gefühle habe, wenn meine Akkus leer sind und ich „einfach nicht mehr kann„.

Introvertierte Menschen funktionieren anders als extravertierte. Und ich meine „funktionieren“ durchaus wörtlich, denn die Hirnchemie, die Verarbeitung von Reizen im Gehirn etc. laufen schlichtweg anders ab. Das ist eine körperliche Sache und nicht psychisch, wie es gerne mal behauptet wird (und selbst von vielen Introvertierten gedacht wird, siehe meiner einer lange Zeit).

Extravertierte Menschen genießen persönliche Kontakte zu anderen Menschen, mit Tätigkeiten außer Haus usw. und ziehen ihre Energie aus solchen Aktivitäten, wohingegen sowas wie Lesen oder alleine sein ihnen diese Energie wieder „entzieht“. Sie brauchen diese Kontakte um glücklich zu sein.

Bei Introvertierten ist es genau anders herum. Sie ziehen ihre Energie aus „einsamen“ Tätigkeiten, wie lesen, lernen, nachdenken… alles, wobei man vorwiegend alleine ist. Soziale Kontakte, egal wie gerne sie die Personen haben, entziehen ihnen dafür teilweise massiv Energie. Manche mehr, manche weniger und jeder hat seine eigenen Grenzen, aber das Prinzip ist das gleiche. Und wenn der Akku lehr ist, dann wird es ungemütlich für alle Beteiligten.

Das Leben als introvertierte Person ist in unserer westlichen Gesellschaft ein echtes Kreuz, ein ewiger Kampf. Überall und immer wird man dazu angehalten unter Menschen zu sein, sei es nun auf der Arbeit mit Teamarbeit, Großraumbüros und Teamevents, oder auch privat. Was gibt es denn auch schöneres, als seine Freizeit mit Freunden zu verbringen? Den ganzen Tag über Gott und die Welt reden, ohne Punkt und Komma. Juhu, ist das nicht toll?

Ist es nicht. Nicht für mich.

Meine Tage sehen gewöhnlich so aus, dass ich morgens das Haus verlasse und fast eine Stunde zur Arbeit fahre. Inmitten von Menschen in Bus und S-Bahn. Auf Arbeit erwarten mich meine Kollegen, zur Zeit drei in meinem Büro, die kommunikativer sind, als es mir manchmal lieb ist. Und das ist schon eine Verbesserung, weil ich vorher in einem Büro mit knapp zehn Leuten saß und dort noch viel mehr Reize auf mich einprasselten. Wenn nach etwa 8 1/2 Stunden der Arbeitstag vorbei ist, geht es wieder etwa eine Stunde lang durch viel zu viele Menschen nach Hause und dort… sind meine Freundin und unsere Mitbewohnerin. Die kaum mal fünf Minuten lang nicht reden. Auch nicht, wenn man zusammen einen Film oder so gucken will, was schon im Kino anstrengend ist, aber zu Hause natürlich noch mehr. Ich habe oft schlichtweg keine andere Wahl, als mich komplett abzuschotten und mich mit Kopfhörern im Arbeitszimmer an meinem PC zu setzen. Weil ich sonst über kurz oder lang wahnsinnig werde.

Und doch gibt es immer mal wieder Zeiten, da bin ich weniger am PC und mehr bei den beiden. Oder bei Familienbesuchen (und die Familie meiner Freundin ist SEHR anstrengend!) oder wir unternehmen etwas zusammen oder so. Aber egal wie lange diese Zeit andauert, selbst wenn es Wochen sind und sich meine Akkus langsam aber sicher leeren, scheint es niemand zu bemerken. Es wird einfach hingenommen, weil es ja „normal“ ist. Und wenn ich mich dann wieder zurückziehe, ist es immer ein halber Weltuntergang, weil „es doch so schön war“. War es ja auch. Aber eben auch anstrengend.

Es ist unglaublich schwer meinen Mitmenschen klarzumachen, dass es an niemanden persönlich liegt, wenn ich mich abkappsele bzw. es mir nicht gut geht, sondern dass es einfach an den Umständen liegt. Wäre meine Arbeit nicht so weit weg und nicht so (mental) anstrengend, und/oder hätte ich einfach mehr Zeit für die Dinge, die mir wichtig sind (schreiben, lesen, lernen)… dann wäre das alles ganz anders. Mein Leben hat einfach nicht die richtige Waage für meine persönlichen Bedürfnisse. Und leider wird sich daran vermutlich auch nicht viel ändern, wenn ich nicht gerade im Lotto gewinne und nicht mehr (abhängig) arbeiten muss.

Ich kann nur versuchen anders zu jonglieren. Mir meine Akkuladezeit erkämpfen. Irgendwie.

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